Notfall

Angststörungen und Depressionen unbedingt ernst nehmen

Ärzte und Pfleger kämpfen auf Intensivstationen um das Leben von Menschen mit Lungenversagen. Das Virus kann aber auch Menschen krank machen, die sich gar nicht angesteckt haben. Seit Beginn der Corona-Pandemie melden sich deutlich mehr Menschen mit Angststörungen  und Depressionen im St. Vinzenz-Hospital Rhede als früher. Chefarzt Dr. Kai Schmidt beobachtet  diese Entwicklung mit zunehmender Sorge.

“Zu den Menschen, die unter den strengen Schutzmaßnahmen besonders leiden, gehören natürlich auch Menschen, die anfällig für Depressionen oder Angststörungen sind”, sagt Dr. Kai Schmidt, Chefarzt des Zentrums für Seelische Gesundheit im Rheder Krankenhaus. Der Psychiater hat den Eindruck, dass bestimmte psychiatrische Leiden während der Pandemie deutlich zunehmen. Erste wissenschaftliche Veröffentlichungen würden dies nahelegen. Belastbare Daten gibt es in Deutschland zu dieser Entwicklung jedoch noch nicht.

Die Anzahl der Patienten insgesamt würden im St. Vinzenz-Hospital gleichsam nicht steigen, da sich viele wegen Corona nicht in die Klinken trauten, so Schmidt. „Das ist eine Entwicklung, die wir mit Sorge beobachten“, berichtet der Chefarzt. „Wer ernsthaft Hilfe braucht, sollte nicht zögern und den Gang zum Arzt auch in Corona-Zeiten machen.“ Dies gelte nicht nur für somatische Krankheitsbilder, sondern auch für psychische Erkrankungen, so Schmidt.

Die Gründe für Erkrankungen sind vielfältig: “Bei einigen geht es um Kurzarbeit, andere sorgen sich um ihre Kinder in der Schule oder wissen nicht, wie es im Lockdown für sie weitergeht. Die Themen klingen zwar profan, für viele Menschen sind sie trotzdem ein großes Angstthema”, berichtet der Chefarzt. Auch einsame Senioren würden die Klinik aufsuchen. Genauso wie jüngere Menschen, deren Sportvereine geschlossen seien, die sich nicht mehr mit Freunden treffen können und die sozial isoliert seien.

Stolz ist Schmidt auf den großen Einsatz und Zusammenhalt seines pflegerischen und ärztlichen Teams in diesen herausfordernden Zeiten. „Corona ist schon eine erhebliche Mehrbelastung für unsere Mitarbeitenden“, berichtet er. Das gesamte Team müsste darauf achten, dass Hygieneauflagen, wie die Maskenpflicht, durchgängig eingehalten werden. „Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ist eine besondere Herausforderung in der Therapie“, sagt Schmidt, „Gestik und Mimik spielen eine erhebliche Rolle in den Gesprächen. Das fällt nun zu großen Teilen weg.“

Für alle, die zuhause unter den Belastungen der Coronakrise leiden, hat Schmidt einen Rat: Soziale Kontakte seien dennoch wichtig und sollten, im Rahmen der Maßnahmen, weiterhin gepflegt werden, wenn auch online. Auch Bewegung an der frischen Luft könne helfen. Ein neues oder altes Hobby finden, bringt Ablenkung, rät der Experten weiter. Menschen mit psychischen Vorerkrankungen und ernsthaften Symptomen rät der Mediziner auch in der Pandemie zum Gang zum Arzt.

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