Großes Interesse an Fachtagung über Borderline-Störung bei Müttern

Borken. „Ich bin positiv schockiert über den Ansturm der Experten“, so Jörg Ristau, Oberarzt der Tagesklinik des St. Vinzenz-Hospitals in Rhede schon vor Beginn einer außerordentlichen Fachtagung, die in der Borkener Schönstatt-Au stattfand. Zusammen mit Barbara Bruns, der Bereichsleitung der Mutter-Kind-Einrichtung des Erziehungshilfeverbundes Gerburgis aus Bocholt hatte Ristau federführend die Fachtagung zum Thema „Transmission – aber wie? Mütter mit Borderline-Störung“ organisiert und großen Zuspruch in Form von rund 230 Anmeldungen erhalten, darunter auch zahlreiche Interessenten aus Düsseldorf, Köln, Soest und Stuttgart.

Mit dem Thema der gemeinsamen Fachtagung haben die Veranstalter einen Nerv getroffen. Denn die Nachfrage an der Teilnahme war so enorm, dass kurzfristig der Veranstaltungsort verlegt werden musste. In der Schönstatt-Au in Borken fanden dann gut 230 Teilnehmer aus ambulanter und stationärer Jugendhilfe ebenso wie aus Jugendämtern und ambulanten, teilstationären und stationären psychiatrischen Einrichtungen sowie  therapeutischen Praxen Platz. Alle wollten sich über das Thema selbst, aber auch über die enge und bundesweit seltene Kooperation zwischen der Mutter-Kind-Einrichtung des Gerburgisverbundes und der Tagesklinik des St. Vinzenz-Hospitals Rhede informieren.

Eltern mit psychischen Erkrankungen stehen vor besonderen Herausforderungen in ihrer Elternschaft. Neben den eigenen gesundheitlichen und sozialen Risiken wirkt sich die Erkrankung auch auf die Kinder aus. Werden die Schwierigkeiten der Emotionsverarbeitung nicht behandelt, übertragen sich die Wahrnehmungs- und Verhaltensstörungen häufi g auf die Kinder, das Familienleben wird hoch krisenanfällig. Brigitte Watermeier, Fachbereichsleitung Jugend und Familie im Kreisjugendamt Borken eröffnete gemeinsam mit Reinhild Wantia vom Fachbereich Gesundheit im Kreis Borken die Fachtagung „Hier geht es darum, dass Verzahnung und wechselseitiger Erkenntnisgewinn von Jugendhilfe, Psychiatrie und pädagogischer Praxis stattfindet“, lobte Watermeier das Engagement der Initiatoren. Nur so lasse sich der Kreislauf Borderline durchbrechen, der noch immer viel zu oft über Generationen hinweg weitergetragen werde.

Mit ihren Beiträgen aus den jeweiligen Fachrichtungen machten die Referentinnen und Referenten dann auch schnell deutlich, wie wichtig die multiprofessionelle Verzahnung ist. Jörg Ristau, Oberarzt der Tagesklinik des St. VinzenzHospitals Rhede, beschrieb anschaulich die Stolperfallen, die sich bei der Behandlung von Müttern mit Borderline-Störung ergeben, wenn Psychiatrie und Jugendhilfe jeweils nur in der eigenen Systemlogik verharren. Über die positiven Erfahrungen gemeinsamer Fallarbeit berichteten Tagesklinik und Mutter-Kind-Einrichtung. „Im Laufe unserer Zusammenarbeit haben wir viele wertvolle Erkenntnisse gesammelt, die uns das Verstehen erleichtern und eine bessere Arbeit im Sinne der Patienten ermöglichen“, so Ristau. Denn während in der Psychiatrie die Patienten mit ihrer Erkrankung im Fokus stehen, die Behandlungsplanung sich um die Erwachsenen dreht und das Familiensystem nur als einer von vielen bedingenden Faktoren betrachtet wird, stehen in der Jugendhilfe Mutter und Kind. untrennbar gemeinsam im Fokus.  Wie wirkt sich die Erkrankung der Mutter auf das Kind aus? Kann sie befähigt werden, eine konstante Erziehungshaltung zu entwickeln? Und wie kann sie dabei unterstützt werden, sich zu helfen und dabei das Kind zu schützen? In diesem Kontext kommt der psychischen Erkrankung und ihrer Behandlung eine wichtige Bedeutung zu.

Sigrid Buck-Horstkotte symbolisierte schließlich inhaltlich wie persönlich die Schnittmenge der Professionen in dieser Frage. Die psychologische Psychotherapeutin aus Berlin berichtete aus ihrer langjährigen Erfahrung in der stationären Erziehungshilfe und stellte ihr dort entwickeltes Manual zur Behandlung von Müttern mit Borderline-Störung vor. Die dialektisch-behaviorale Therapie im Umgang mit Borderline-Müttern wurde hier spezifisch mit Blick auf das Spannungsfeld Elternschaft ausgefeilt.

Wie umgehen mit den Verhaltensweisen, die sich aus einer Borderline-Störung ergeben, wenn Kinder mit betroffen sind? Darüber hat sich im Laufe der Jahre ein fruchtbarer Austausch zwischen Jugendhilfe und Psychiatrie entwickelt. Wissen um Krankheitsbilder, therapeutische und pädagogische Maßnahmen aber auch Entwicklungspsychologie und Kindesschutz werden untereinander ausgetauscht. Barbara Bruns stellte daher anschließend das Konzept der „neuen Autorität“ vor, das in der in der Mutter-Kind-Einrichtung gerade in der Arbeit mit Borderline-Müttern wirkungsvoll Anwendung findet. Bruns betonte die Wichtigkeit, die Mütter immer wieder respektvoll für ein Arbeitsbündnis einzuladen, sich zum Wohle ihres Kindes um einen sicheren Ort zu bemühen. Damit beleuchtete sie viele Aspekte, die auch schon Sigrid Buck-Horstkotte vorgetragen hatte aus einer anderen Perspektive und machte so deutlich, wie genau die Verzahnung der Professionen in der Praxis zu Erkenntnisgewinn beiträgt. Denn mitnichten ging es um Wiederholungen. In allen Vorträgen wurde deutlich, wie unterschiedlich die Herangehensweise der Professionen ist, wie ähnlich aber auch viele Grundannahmen und Ziele sind. Für die Teilnehmer boten sich so aufschlussreiche Einblicke in die gar nicht so andere Welt des Gegenübers.

So verhielt es sich dann auch bei den abschließenden Vorträgen von Susanne Wiemer, psychologisch-therapeutischer Dienst des Erziehungshilfeverbundes Gerburgis und Dr. Kai Schmidt, Chefarzt des St. Vinzenz-Hospitals in Rhede. Wiemer verdeutlichte die Problematik der transgenerationalen Traumatisierung und wirksamer Strategien anhand eines Fallbeispiels. Dr. Schmidt führte Potenziale der mentalisierungs-basierten Psychotherapie auf.

Zum Schluss gab es eine Fragerunde, moderiert von Dirk Terbahl aus der Unternehmenskommunikation des Klinikums Westmünsterland, in der noch offene Themen und Fragen der Teilnehmer an die Experten besprochen wurden. Die Referentinnen und Referenten, ebenso wie die Vertreterinnen von Kreisjugend- und Gesundheitsamt betonten einheitlich, wie wichtig der Ausbau solcher Kooperationen der Akteure für gelingende Hilfen für Mutter und Kind ist.

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